1. Die Philosophie hinter dem Programm
1.1 Wir sind alle Individualisten
In den vielen eMails, die ich mit Bibliographix-Nutzern ausgetauscht habe, ist mir immer deutlicher geworden, dass es eine unglaubliche Bandbreite unterschiedlicher Arbeitstechniken gibt. Das liegt zum einen an "Zitiertraditionen", die in den unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen teilweise ganz verschieden sind und jemandem, der nicht zu diesem "Kulturkreis" gehört, abwegig erscheinen. Das liegt aber zum anderen auch daran, dass sich jeder im Laufe der Zeit eine eigene Arbeitstechnik zusammenstrickt, um nicht in der Informationsflut unterzugehen.
1.2 Eine 95%-Lösung ist besser als eine 100% Lösung
Dieses Statement klingt ein wenig nach einem der Mantras minimalistischen Designs, wie "less is more". Das meine ich aber nicht.
Dieses Statement klingt ein wenig nach der Daumenregel "Nach 20% des Aufwands hat man schon 80% der Aufgabe gelöst" und der daraus folgenden zweiten Daumenregel: "Nicht ganz perfekte Lösungen sparen unglaublich viel Aufwand". Das meine ich aber auch nicht.
Mir geht es um die Frage, inwiefern standardisierte Software in der Lage ist, individuelle Probleme zu lösen. Ich möchte Ihnen das an einem Beispiel verdeutlichen, das wir vermutlich alle gut kennen: Microsoft Word. Wenn ich das so haben möchte, kann ich einen Text in drei Spalten setzen. Ich kann die Breite jeder einzelnen Spalte einzeln festlegen und ich kann auch den Abstand zwischen den Spalten einzeln einstellen. Diese Flexibilität erkauft sich Word mit einer mehr als barocken Benutzeroberfläche. Und die Funktionalität hat immer noch Lücken. Soweit ich die Spalten-Funktion verstanden habe (ich hab einfach an einer beliebigen Stelle in Word ein wenig tiefer geklickt) kann ich solche asymmetrischen Spalten nicht auf geraden und ungeraden Seiten spiegeln. Meine Einschätzung ist, dass von den Nutzern, die asymmetrische Spalten wertschätzen mindestens 25% die fehlende Spiegelung als dumme Einschränkung empfinden und bei jeder neuen Version von Word gleich nachschauen, ob es endlich auch gespiegelte asymmetrische Spalten gibt.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte nicht über Word lästern. Ich benutze das Programm ja selbst täglich und bin halbwegs zufrieden. Im Gegenteil: Angesichts des Funktionsumfangs ist die Benutzeroberfläche wirklich gut.
In diesem Kontext ist es spannend zu beobachten, dass Microsoft offenbar weniger Angst vor ähnlich gestrickten Konkurrenten, wie z.B. OpenOffice hat, sondern eher vor radikal anders und einfacher gestrickten Alternativen, wie Google Text & Tabellen. Das Spiegelungsproblem wird bei Google einfach dadurch gelöst, dass man Text gar nicht in mehreren Spalten schreiben kann. Das funktioniert natürlich nur, wenn man nur dort die Funktionen streicht und das Programm dort vereinfacht, wo es einem großen Teil der Nutzer nicht weh tut. Da scheint Google gute Arbeit geleistet zu haben.
Aus seiner Sicht tauscht der Nutzer den Vorteil eines radikal einfacher zu bedienenden Programms gegen den Nachteil ein, an manchen Stellen ein etwas weniger perfektes Ergebnis zu erhalten. Diese Rechnung wird nicht für alle Nutzer aufgehen. Vermutlich werden Sie und ich weiter Word benutzen, weil die Google-Alternative für unsere Zwecke doch untermotorisiert ist, aber wir sind mit der Komplexität unserer Texte (Ich rede von der Struktur. Nicht von den Inhalten) nicht repräsentativ.
1.3 Was muss eine Literaturverwaltung können? Was kann sie können?
Der "funktionale Knackpunkt" um den es bei einer Literaturverwaltung geht, ist die Frage, wie flexibel das Programm in der Lage ist, die Datensätze in der Datenbank zu formatieren, denn Sie zitieren die gleichen Quellen in verschiedenen Texten. Die gleiche Quelle soll dann einmal als
Trivers, Robert L., "The Evolution of Reciprocal Altruism," Quarterly Review of Biology, 1971, 35-57.
formatiert werden, einmal als
R. L. TRIVERS, The Evolution of Reciprocal Altruism, Quarterly Review of Biology (1971), 35-57.
und 2756 mal noch ganz anders. Es scheint ein akademischer Volkssport zu sein, sich an regnerischen Wochenenden eine weiterne, ganz spezielle Zitierrichtlinie auszudenken.
Das dumme ist nur: Diese Richtlinien sind ein Fass ohne Boden. Dagegen sind die gespiegelten asymmetrisch mehrspaltigen Texte Kinderkram. Sie können Gift darauf nehmen, dass in einer Richtlinie genau geregelt ist, ob es
The Evolution of Reciprocal Altruism,
oder
The Evolution of Reciprocal Altruism,
lauten muss. Wie? Kein Unterschied? Genau hingucken! Einmal ist das Komma hinter dem Titel auch kursiv, einmal nicht. Das sieht man nicht bei allen Schrifttypen. Daher musste ich auch einen anderen nehmen;) Das ist jetzt ein Extrembeispiel. Aber: Ich erinnere mich an einen Nutzer, dem das wichtig war und der Zeit investiert hat, dieses Problem zu lösen.
Wenn Sie eine solche 100%-Lösung wollen, ist das Ihr gutes Recht. Aber: auf dieser Detailebene ist das nicht automatisierbar, bzw. ein Programm, das Sie auf dieser Detailebene einstellen können, wollen Sie nicht mehr benutzen, weil Sie einen einwöchigen Crash-Einführungskurs bräuchten.
1.4 Was erwartet Ihr Gutachter?
Bei vielen meiner eigenen Studierenden spüre ich eine große Unsicherheit, wie "ernstgemeint" solche Richtlinien sind. Mein Eindruck ist, dass viele Gutachter bei Bachelor- und Masterarbeiten schon zufrieden sind, wenn sich überhaupt erkennen lässt, das man sich an irgendwelche Regeln gehalten hat und die Quellen identifizierbar sind. In 99% aller Fälle dürfte es dem Gutachter bereits vollkommen egal sein, ob der Vorname eines Autors ausgeschrieben wird oder nicht. Überschätzen Sie also den Perfektionsdrang Ihres Gutachters nicht, sondern klopfen den in einem Gespräch mal vorsichtig ab. Vielleicht mit einer formatierten Liste als Beispiel. Die wahrscheinliche Reaktion wird sein, dass der Gutachter etwa fünf Sekunden auf die Liste schaut, genervt ist und "jaja" sagt. Dann ist es sehr sehr unwahrscheinlich, dass Sie über kursive oder nicht kursive Kommata nachdenken müssen.
Trotzdem existieren Gutachter, die auf dieser "Kommaebene" denken. Der Anteil dürfte im Promillebereich liegen. Aber es gibt sie. Wenn der Gutachter an Ihrer Liste anmerkt, dass ein weithin unbekannter Verlag namens Springer nicht in "Berlin" sitzt, sondern in "Berlin, Heidelberg, New York", dann sollten Sie davon ausgehen, dass dieser Gutachter das bei jedem Band aus diesem Verlag prüfen wird und auch prüfen wird, ob Sie bei älteren Bänden, bei denen Heidelberg noch an erster Stelle steht, auch Heidelberg an erster Stelle stehen haben. Mein Ratschlag in diesem Fall ist: Anderer Gutachter. Sie können ihm nicht gerecht werden. Irgendwo werden Sie Fehler dieser Größenordnung begehen und Sie können nicht sehr viele solcher Fehler begehen, ohne dass das im Gutachten bemängelt werden wird. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
1.5 Was Bibliographix an dieser Stelle bieten will
Was mir in den Jahren, in denen ich Bibliographix entwickele, immer deutlicher geworden ist, ist dass es an dieser Stelle einen ganz wichtigen Zusammenhang zwischen Funktionsumfang und Benutzbarkeit gibt, so wie in der nebenstehenden Abbildung dargestellt. Das ist der gleiche Zusammenhang, über den ich schon im Vergleich von Word und Google gesprochen habe. Anders verpackt.
Für mich ist das ein Lernprozess gewesen. In älteren Versionen hatte ich die Vorstellung, mich schrittweise nicht an 100%, aber doch 98% heranzutasten. Also eine Art "Word-Strategie" zu fahren. Retrospektiv war das vielleicht naiv, aber sehen Sie das in der Situation mal so ;)
Die letzten Versionen sind daher ein Prozess der "Flurbereinigung" gewesen, d.h. ich habe selten genutzte Funktionen aus dem Programm herausgenommen um die Benutzung zu vereinfachen. Bei meiner Einschätzung, was denn "selten genutzt" ist, habe ich (gestützt auf das Feedback der Nutzer) meist richtig gelegen, aber in einigen Fällen auch nicht. In solchen Zweifelsfällen berate ich mich gern mit Ihnen. Diskutieren Sie das mit mit unter
Insofern ist das Ziel von Bibliographix, Ihnen einen optimalen Mix aus Leistungsfähigkeit und Benutzbarkeit zu bieten. Das ist also nicht die "Word-Strategie", die ich oben beschrieben habe, aber auch nicht die "Google-Strategie". Dafür ist der "Formatierungskram", den eine Literaturverwaltung können muss, zu kompliziert. Irgendwas dazwischen.
Das ist ein Ansatz. Mein Eindruck ist, dass andere Programme einen anderen Ansatz haben. Auch gut. An dieser Stelle gibt es kein "richtig" oder "falsch", so wie Word nicht besser oder schlechter ist als Google Docs. Es sind halt zwei verschiedene Ansätze. Sie müssen selbst entscheiden, welcher Ansatz für Sie am besten passt.
2. Die Philosophie hinter dem Gratis-Geschäftsmodell
Bibliographix ist kostenlos. Es gibt keine abgespeckte Version oder ein Ablaufdatum, ab dem man Geld zahlen muss. Bibliographix ist kostenlos.
Was nicht kostenlos ist, ist der Support.
Ich habe dieses Geschäftsmodell im Open Source Bereich kennengelernt und muss gestehen, dass ich damals nicht begeistert war. Mir wurde auch schnell klar, warum: Wenn das Geschäftsmodell darin besteht, Leuten Support zu verkaufen, dann ist es doch schlau, das Programm, das man verschenkt, so zu stricken, dass der Nutzer auch Support braucht. Das heißt: Die Handbücher zu den Programmen waren, sagen wir, kurz und die Benutzeroberfläche war, sagen wir, noch ein Stückchen von Word entfernt.
So würde ich das nicht machen wollen. Ich hätte dabei nicht so ein gutes Gefühl und ich hoffe, wenn Sie sich das Handbuch anschauen, merken Sie, dass ich Ihnen keine Software mit einem Dreizeiler und "mach halt mal" in die Hand drücke und mir die Hände reibe und auf Ihre eMail und das Klimpern von Münzen warte.
Das bedeutet, dass das Support-für-Geld-Modell allein nicht funktioniert, weil Bibliographix zu selbsterklärend und die Dokumentation zu gut ist ;) Es lebt also auch von Ihren Spenden.